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Autor: Sven Montanus Datum: 28.01.2026 Lesezeit: 18 min |
Die Spielregeln im B2B-Marketing haben sich fundamental verändert. Während Consumer-Marken mit impulsiven Kaufentscheidungen und emotionalen Triggern arbeiten, navigieren B2B-Unternehmen durch ein Labyrinth aus langen Entscheidungszyklen, multiplen Stakeholdern und zunehmend autonomen Käufern. Ein durchschnittlicher B2B-Kaufprozess erstreckt sich über sechs bis zwölf Monate, involviert ein Buying Committee aus sechs bis zehn Personen und vollzieht sich zu weiten Teilen ohne direkten Kontakt zum Anbieter.
Diese Komplexität macht strategisches Denken zur Pflicht. Taktisches Marketing – hier eine Kampagne, dort ein Whitepaper – verpufft wirkungslos, wenn es nicht in einen übergeordneten strategischen Rahmen eingebettet ist. Marketing-Verantwortliche stehen vor der Herausforderung, ihre Aktivitäten auf Kaufprozesse auszurichten, die sich ihrer direkten Kontrolle entziehen, und gleichzeitig den Wertbeitrag ihrer Arbeit in der Sprache der Geschäftsführung nachzuweisen.
Das tradierte Bild einer linearen Customer Journey – vom ersten Kontakt über Interesse und Evaluation bis zum Kauf – entspricht nicht mehr der Realität moderner B2B-Beschaffungsprozesse. Gartner dokumentiert in der Studie „B2B Buying: How Top CSOs and CMOs Optimize the Journey“ (2019), dass Käufer heute den Großteil ihrer Recherche autonom durchführen, bevor sie überhaupt Kontakt zu einem Anbieter aufnehmen.¹
Die moderne B2B Buyer's Journey zeichnet sich durch charakteristische Merkmale aus:
Autonomie: Potenzielle Kunden absolvieren bis zu 70 Prozent ihrer Informationsbeschaffung ohne Vertriebskontakt. Webseiten, Fachmedien, Peer-Reviews und Social-Media-Diskussionen bilden die primären Informationsquellen.
Nicht-Linearität: Der Kaufprozess verläuft nicht als geordnete Sequenz, sondern als iteratives Hin-und-Her zwischen verschiedenen Phasen. Evaluationen werden revidiert, neue Stakeholder bringen zusätzliche Anforderungen ein, Budget-Diskussionen werfen Entscheidungen zurück.
Unsichtbarkeit: Ein erheblicher Teil der Recherche findet auf Plattformen statt, die für Anbieter nicht einsehbar sind – in internen Slack-Kanälen, auf LinkedIn, in geschlossenen Community-Gruppen oder durch direkte Gespräche mit Branchenkollegen.
KI-gestützte Selbstinformation: Zunehmend nutzen Entscheider generative KI-Plattformen für ihre Recherche. Sie stellen Fragen zu Lösungsansätzen, vergleichen Anbieter und lassen sich Shortlists erstellen – weitgehend außerhalb der Kanäle, die Unternehmen direkt beeinflussen können.
Kollektivität: Kaufentscheidungen werden nicht von Einzelpersonen getroffen, sondern von Buying Committees mit unterschiedlichen Interessen, Wissensständen und Entscheidungskriterien.
Diese Realität erfordert ein Umdenken in der Konzeption von Marketing-Strategien. Der Fokus verschiebt sich von der Generierung möglichst vieler Touchpoints hin zur Präsenz an den entscheidenden Momenten der Informationsbeschaffung – auch und gerade dort, wo klassische Attribution versagt. Das Phänomen der Zero-Click Search verdeutlicht diese Entwicklung: KI-Traffic konvertiert 4,4× besser als klassischer organischer Traffic, während sinkende Klickzahlen paradoxerweise auf höhere Markenrelevanz hindeuten können.
Die Konsequenz für Marketing-Verantwortliche: Der traditionelle Sales Funnel als Planungsinstrument führt zu Fehlallokationen von Ressourcen. Er suggeriert Kontrollierbarkeit, wo keine existiert, und incentiviert die Optimierung von Zwischenmetriken (MQLs, SQLs) statt echter Geschäftsergebnisse. Das Growth Circle-Modell bietet hier eine Alternative, die der nicht-linearen Realität moderner Kaufprozesse gerecht wird.
Eine B2B-Marketing-Strategie ist der systematische Plan, mit dem Unternehmen Geschäftskunden gewinnen und binden. Sie richtet Marketingaktivitäten auf komplexe Entscheidungsprozesse (Buying Centers) aus, definiert die Positionierung und orchestriert Maßnahmen von der Markenbildung bis zur Vertriebsunterstützung, um nachhaltiges Unternehmenswachstum zu sichern.
Acht Länder, acht unterschiedliche Marketing-Prozesse – vor dieser Situation steht Manpower. Die Folge: Uneinigkeit darüber, welche Leads Priorität haben, sowie erschwertes Benchmarking und Austausch über Best Practices.
Um internationale Vergleichbarkeit zu schaffen und Lernprozesse im Unternehmen anzuregen, will das nordeuropäische Marketing-Team um Projektleiterin Tina Hingston ein länderübergreifend konsistentes Lead Scoring und Reporting einführen. Dafür holt sie sich Unterstützung des Strategiepartners andweekly.
Von der herausfordernden und zeitaufwendigen Rekrutierung geeigneter Fachkräfte sind Unternehmen in vielen Branchen und Regionen betroffen. Das Ziel von Manpower ist es, dem Personalmangel weltweit mit innovativen Lösungen zu begegnen. Die ManpowerGroup mit Hauptsitz in den USA und Niederlassungen in rund 80 Ländern zählt zu den weltweit führenden Unternehmen in der Personalbranche.
Kerngeschäft ist die Vermittlung von Fachkräften aus zahlreichen Branchen an Unternehmen, die sich nicht mit zeitaufwendigen Rekrutierungsprozessen beschäftigen wollen. Darüber hinaus hilft Manpower, kurzfristige Personalengpässe zu überbrücken und Produktionsspitzen mit geeigneten Human Resources auf Zeit abzufedern. Zum Unternehmen gehören zahlreiche Tochterunternehmen – darunter auch der IT-Dienstleister Experis, den wir bereits bei seiner Marketing-Strategie unterstützt haben.

Die ManpowerGroup unterhält in jedem Land ein eigenes Marketing-Team, das individuelle Ansätze im Online-Marketing verfolgt. Zwar wurde HubSpot als All-in-one-Plattform für Marketing in den meisten Landesgesellschaften etabliert, doch das HubSpot-Knowhow und der hinterlegte Lead-Management-Prozess sind sehr unterschiedlich.
Das Problem bei Manpower: Die uneinheitlichen Marketing-Prozesse der Landesgesellschaften führen zu inkonsistenter Lead-Qualifizierung: Ein Lead, der in einer Landesgesellschaft als Sales Ready eingestuft wird, kann in einer anderen als Marketing Qualified Lead (MQL) eingestuft werden.
Daraus ergeben sich für Manpower folgende Herausforderungen:
Mangelnde Vergleichbarkeit. Unterschiedliche Definitionen und Prozesse machen es schwierig, die Leistung und Effektivität von Marketing-Aktivitäten zwischen verschiedenen Landesgesellschaften zu vergleichen. Ohne einheitliche Standards können sie Best Practices nicht identifizieren und erfolgreiche Strategien kaum replizieren.
Schwierigkeiten bei Zusammenarbeit und Kommunikation. Inkonsistente Definitionen führen immer wieder zu Missverständnissen und Fehlkommunikation zwischen Marketing- und Vertriebsteams, insbesondere wenn diese länderübergreifend zusammenarbeiten.
Verpasste Verkaufschancen. Unterschiedliche und nicht immer optimale Definitionen von MQLs und SQLs bewirken, dass Mitarbeitende bestimmte Leads unter- oder überschätzen. Falsche Prioritäten in der Lead-Bearbeitung kosten wiederum wertvolle Ressourcen.
Standardisierung der Marketing-Automatisierungsprozesse für eine nahtlose Customer Journey in den verschiedenen Manpower-Landesgesellschaften
Entwicklung homogener Dashboards auf globaler Ebene zur einheitlichen Erfassung, Analyse und Vergleich der Performances von Marketing-Kampagnen
Optimierung der CRM-Strategie durch Implementierung von Best Practices für Lead-Erfassung, -Qualifizierung, -Scoring und Reporting mithilfe des HubSpot Marketing Hub
Erzielung von Effizienzgewinnen durch Reduzierung von Inkonsistenzen zwischen den Landesgesellschaften
Erhöhung der Transparenz zwischen den Landesgesellschaften hinsichtlich Lead-Generierung, Lead-Qualität und Marketing-Performance zur Verbesserung der Entscheidungsfindung und Performance
Die Komplexität moderner B2B-Märkte erfordert durchdachte Frameworks, die Marketing-Aktivitäten strukturieren und priorisieren. Drei strategische Ansätze haben sich als besonders wirkungsvoll erwiesen: das Growth Circle-Modell, der Shift von Demand zu Pipeline Generation sowie Account-Based Marketing.
Das Growth Circle-Modell bricht mit der einseitigen Fokussierung auf Neukundenakquise. Es basiert auf der Erkenntnis, dass nachhaltiges B2B-Wachstum primär aus dem bestehenden Kundenstamm entsteht – durch Expansion, Upselling, Cross-Selling und Weiterempfehlungen.
McKinsey & Company beziffern in „The New B2B Growth Equation“ (2022) den Wertbeitrag von Bestandskunden-Wachstum auf das Zwei- bis Dreifache der Neukundenakquise bei gleichzeitig deutlich niedrigeren Akquisitionskosten.² Der Growth Circle integriert Neukundengewinnung, Kundenerfolg und Expansion in einen zyklischen Prozess, bei dem jede Phase die nächste befeuert.
Für Marketing-Abteilungen bedeutet dies eine Verschiebung des Ressourceneinsatzes: Customer Marketing, Advocacy-Programme und Referral-Initiativen gewinnen gegenüber reiner Lead-Generierung an strategischer Bedeutung.
Der Begriff „Demand Generation“ hat sich als Sammelbegriff für Top-of-Funnel-Marketing etabliert. In der Praxis führt diese Kategorisierung jedoch häufig zu einer Entkopplung von Marketing-Aktivitäten und tatsächlichem Umsatz. Marketing optimiert auf MQL-Zahlen, während der Vertrieb über Leadqualität klagt.
Pipeline Generation adressiert dieses Alignment-Problem durch einen fundamentalen Perspektivwechsel: Marketing wird an seinem Beitrag zu Pipeline und Revenue gemessen, nicht an der Menge generierter Leads. Diese Verschiebung hat weitreichende Konsequenzen für Zieldefinition, Kanalwahl und Attribution. Der Wandel von B2B Demand Generation zu Pipeline Generation erfordert neue KPIs, die der Vertrieb versteht und mitträgt.
Account-Based Marketing (ABM) invertiert die klassische Marketing-Logik. Statt breit zu streuen und auf Resonanz zu hoffen, identifiziert ABM zunächst die wertvollsten Zielkunden und entwickelt dann hochspezifische Ansprachestrategien für diese Accounts.
Der Ansatz eignet sich besonders für Unternehmen mit hohen durchschnittlichen Auftragswerten (ACV), langen Verkaufszyklen und einer überschaubaren Anzahl potenzieller Kunden. In diesen Szenarien rechtfertigt der potenzielle Kundenwert den erhöhten Aufwand für individualisierte Kampagnen. Account-Based Everything erweitert dieses Prinzip von einer Marketing-Taktik zu einer umfassenden Go-to-Market-Strategie.
Demand Generation verfolgt das Ziel marktweiter Awareness und Lead-Volumen. Der Ansatz arbeitet mit breiter, segmentierter Reichweite und Personalisierung auf Segment-Level. Typische Kanäle umfassen Content Marketing, SEO, Paid Media und Events. Die primäre Erfolgsmetrik sind Marketing Qualified Leads (MQLs). Demand Generation eignet sich optimal bei hoher Marktgröße und niedrigeren durchschnittlichen Auftragswerten. Das Sales-Alignment erfolgt mittelfristig über Service Level Agreements.
Account-Based Marketing zielt auf die Penetration definierter Zielaccounts. Die Reichweite ist eng fokussiert auf Named Accounts mit Personalisierung auf Account- oder Kontakt-Level. Typische Kanäle sind Direct Mail, 1:1 Ads und personalisierte Content-Experiences. Primäre Erfolgsmetriken sind Account Engagement und Pipeline pro Account. ABM funktioniert optimal bei begrenzten Zielmärkten und hohen durchschnittlichen Auftragswerten. Das Sales-Alignment erfolgt durch direkte Zusammenarbeit auf Account-Ebene.
Die Modelle schließen sich nicht gegenseitig aus. Viele erfolgreiche B2B-Organisationen kombinieren breite Demand-Generation-Aktivitäten für den mittleren Markt mit fokussiertem ABM für Enterprise-Accounts.
Eine der folgenreichsten Erkenntnisse moderner B2B-Forschung betrifft die Struktur von Kaufentscheidungen. Harvard Business Review dokumentiert in „The New Sales Imperative“ (2017), dass durchschnittlich 6,8 Personen an einer B2B-Kaufentscheidung beteiligt sind – Tendenz steigend.³
Diese Buying Committees sind keine homogenen Gruppen. Sie setzen sich aus Personen mit unterschiedlichen funktionalen Hintergründen, Entscheidungsbefugnissen und Informationsbedürfnissen zusammen. Eine Marketing-Strategie, die nur auf den formalen Entscheider zielt, verfehlt die Realität kollektiver Entscheidungsprozesse. Das Verständnis des Buying Center B2B ist daher eine Kernkompetenz für Marketing-Verantwortliche.
Die folgende Übersicht beschreibt die sechs häufigsten Rollen, ihre jeweiligen Prioritäten und den Content, der sie im Entscheidungsprozess unterstützt:
Entscheider (Economic Buyer): Die Person mit finaler Budget-Autorität. Fokus auf ROI, strategische Passung und Risikominimierung. Typischerweise in C-Level oder VP-Positionen. Informationsbedürfnis: Executive Summaries, ROI-Kalkulationen, Referenzgespräche mit Peers.
Anwender (User Buyer): Personen, die mit der Lösung arbeiten werden. Fokus auf Usability, Funktionalität und Integration in bestehende Workflows. Informationsbedürfnis: Produktdemos, technische Dokumentation, Use Cases aus vergleichbaren Unternehmen.
Technische Prüfer (Technical Buyer): IT, Security oder andere technische Stakeholder, die Compliance, Integration und technische Machbarkeit bewerten. Informationsbedürfnis: Architektur-Dokumentation, Security-Audits, API-Spezifikationen.
Influencer: Interne Berater ohne formale Entscheidungsbefugnis, aber mit erheblichem Einfluss – typischerweise Fachexperten oder Personen mit besonderen Erfahrungen. Informationsbedürfnis: Thought Leadership, Branchenanalysen, Peer-Validierung.
Gatekeeper: Personen, die den Zugang zu anderen Stakeholdern kontrollieren – häufig Assistenzen oder Projektmanager. Informationsbedürfnis: Zusammenfassungen, Entscheidungsvorlagen, Terminierungsinformationen.
Champion: Ein interner Fürsprecher, der die Lösung aktiv vorantreibt. Champions sind für komplexe B2B-Deals oft erfolgskritisch. Informationsbedürfnis: Interne Präsentationsmaterialien, Business-Case-Templates, Gegenargumente für interne Einwände.
Die Existenz von Buying Committees hat direkte Konsequenzen für die Marketing-Strategie:
Content-Diversifizierung: Ein einzelnes Content-Piece kann niemals alle Stakeholder adressieren. Marketing benötigt modulare Content-Architekturen, die verschiedene Perspektiven und Detailtiefen abbilden.
Multi-Channel-Präsenz: Unterschiedliche Stakeholder konsumieren Informationen auf unterschiedlichen Kanälen. Der CFO liest andere Publikationen als der IT-Leiter.
Enablement-Fokus: Marketing muss Champions mit internen Vertriebsmaterialien ausstatten, die diese im Buying Committee nutzen können – eine häufig unterschätzte Aufgabe.
Content Marketing im B2B ist mehr als die Produktion von Blogposts und Whitepapers. Strategisch eingesetzt, wird Content zum zentralen Hebel für Markenbildung, Demand Creation und Sales Enablement. Die Herausforderung liegt in der Konzeption von Inhalten, die sowohl funktionale als auch psychologische Bedürfnisse adressieren.
Harvard Business Review identifiziert in „The B2B Elements of Value“ (2018) vierzig Wertdimensionen, die B2B-Kaufentscheidungen beeinflussen – aufgeteilt in funktionale Elemente (Zeitersparnis, Kostenreduktion, Qualität), emotionale Elemente (Angstreduktion, Reputation) und geschäftliche Elemente (Zugang zu Expertise, strategischer Fit).⁴
Strategischer Content adressiert mehrere dieser Dimensionen gleichzeitig. Ein Whitepaper über Prozessautomatisierung kann funktionalen Wert (Effizienzgewinn) mit emotionalem Wert (Angstreduktion durch Peer-Validierung) und geschäftlichem Wert (strategische Roadmap) kombinieren.
Die Frage, welche Inhalte hinter einer Formularschranke stehen sollten (Gated Content) und welche frei zugänglich sein sollten (Ungated Content), ist eine der meistdiskutierten taktischen Entscheidungen im B2B-Marketing.
Ungated Content maximiert Reichweite und unterstützt SEO. Strategische Einordnungen, Thought Leadership und edukativer Content sollten in der Regel frei zugänglich sein. Sie bauen Autorität auf und sorgen für Sichtbarkeit in der unsichtbaren Recherchephase.
Gated Content eignet sich für hochwertige, umsetzungsorientierte Formate wie ausführliche Guides, Templates, Benchmarks oder Tools. Die Barriere der Kontaktdatenabgabe qualifiziert automatisch – wer bereit ist, seine Daten preiszugeben, signalisiert echtes Interesse.
Die zunehmende Verbreitung von AI-gestützten Suchmaschinen, Featured Snippets und In-Platform-Content-Konsum verändert die Anforderungen an B2B-Content. Inhalte müssen so konzipiert sein, dass sie auch dann Wert liefern, wenn Nutzer nicht auf die Ursprungsseite klicken.
Dies bedeutet: klare Definitionen, strukturierte Daten, direkte Antworten auf häufige Fragen und eine Präsenz auf Plattformen, auf denen sich Zielgruppen aufhalten – von LinkedIn über Fach-Communities bis zu Podcast-Verzeichnissen.
Marketing-Abteilungen, die ihre Existenzberechtigung über Vanity Metrics wie Impressions, Likes oder rohe Lead-Zahlen nachweisen, werden zunehmend in Rechtfertigungsnot geraten. Die Geschäftsführung erwartet die Übersetzung von Marketing-Aktivitäten in Geschäftsergebnisse – und das erfordert ein anderes Measurement-Framework.
Klassische Marketing-Metriken wie Website-Traffic, Social-Media-Engagement oder Newsletter-Öffnungsraten haben ihren Platz in der operativen Steuerung. Als strategische Erfolgsmaße sind sie jedoch ungeeignet, weil sie keine Aussage über den Wertbeitrag zum Geschäftsergebnis erlauben.
Die Verschiebung hin zu Business-KPIs erfordert eine engere Integration von Marketing- und Vertriebs-Daten sowie die Fähigkeit, Marketing-Touchpoints entlang der Customer Journey zuzuordnen. Der Nachweis des Marketing ROI wird damit zur Kernaufgabe für Marketing-Führungskräfte.
Fünf Kennzahlen bilden das Fundament einer business-orientierten Marketing-Messung:
Customer Acquisition Cost (CAC): Die Gesamtkosten für die Gewinnung eines neuen Kunden, inklusive aller Marketing- und Vertriebsausgaben. Ein steigender CAC bei gleichbleibenden Kundenwerten signalisiert Effizienzverluste.
Customer Lifetime Value (CLV): Der prognostizierte Gesamtwert eines Kunden über die gesamte Geschäftsbeziehung. Das Verhältnis von CLV zu CAC ist ein zentraler Indikator für die Nachhaltigkeit des Geschäftsmodells – ein Ratio von 3:1 gilt als gesund.
Pipeline Velocity: Die Geschwindigkeit, mit der Opportunities durch die Pipeline wandern. Berechnet als (Anzahl Opportunities × durchschnittlicher Deal-Wert × Win-Rate) / durchschnittliche Verkaufszykluslänge.
Marketing-Sourced Pipeline: Der Anteil der Pipeline, der auf Marketing-Aktivitäten zurückgeführt werden kann – ein direkter Indikator für den Revenue-Beitrag des Marketings.
Marketing-Influenced Revenue: Umsatz aus Deals, bei denen Marketing-Touchpoints eine Rolle gespielt haben, auch wenn der Deal nicht primär durch Marketing generiert wurde.
Ein effektives Marketing-Dashboard für die Geschäftsführung konzentriert sich auf wenige, aussagekräftige Metriken:
CAC (Customer Acquisition Cost) misst die Effizienz der Kundengewinnung. Der konkrete Benchmark ist branchenabhängig, entscheidend ist die Entwicklung über Zeit.
CLV:CAC Ratio zeigt die Nachhaltigkeit des Geschäftsmodells. Ein Verhältnis größer als 3:1 gilt als gesund und signalisiert profitables Wachstum.
Marketing-Sourced Pipeline quantifiziert den direkten Revenue-Beitrag des Marketings. In marketing-orientierten Organisationen liegt dieser Anteil typischerweise bei 30-50 Prozent.
Pipeline Velocity indiziert die Geschwindigkeit des Wachstums. Die Trendbetrachtung über mehrere Quartale ist aussagekräftiger als absolute Werte.
Win Rate Marketing-sourced vs. Sales-sourced dient als Qualitätsindikator. Die Win Rate bei Marketing-generierten Opportunities sollte nicht signifikant niedriger liegen als bei vertriebsgenerierten.
Die Entwicklung einer B2B-Marketing-Strategie ist kein einmaliges Projekt, sondern ein kontinuierlicher Prozess mit definierten Zyklen:
Diagnose (Quartal 1): Analyse des Status quo – Marktposition, Wettbewerbsumfeld, bestehende Capabilities, historische Performance. Identifikation von Gaps zwischen aktueller Leistung und Zielzustand.
Strategiedefinition (kontinuierlich): Festlegung der strategischen Stoßrichtung – Zielmärkte, Value Proposition, Positionierung, Kanalstrategie, Ressourcenallokation. Die Strategie sollte jährlich überprüft und bei Bedarf angepasst werden.
Execution Planning (quartalsweise): Übersetzung der Strategie in konkrete Maßnahmen, Kampagnen und Initiativen. Priorisierung basierend auf Impact und Umsetzbarkeit.
Measurement und Learning (kontinuierlich): Tracking der definierten KPIs, Analyse von Abweichungen, Ableitung von Optimierungsmaßnahmen. Die Fähigkeit zum systematischen Lernen unterscheidet exzellente Marketing-Organisationen von durchschnittlichen.
Für Unternehmen, die ihre B2B-Strategie professionalisieren wollen, bietet andweekly strategische Begleitung von der Diagnose bis zur Implementierung an.
Eine vollständige B2B-Marketing-Strategie umfasst die Zielgruppenanalyse mit Definition von Ideal Customer Profiles und Buying Personas, die Ausarbeitung der Value Proposition und Positionierung, die Kanalstrategie mit Priorisierung der relevanten Touchpoints, einen Content-Plan entlang der Buyer's Journey, die Definition des Tech-Stacks für Marketing Automation und CRM sowie ein KPI-Framework zur Erfolgsmessung.
B2B-Marketing operiert mit längeren Verkaufszyklen (Monate statt Tage), adressiert Buying Committees statt Einzelkäufer und fokussiert auf rationale Entscheidungskriterien mit höherem Informationsbedarf. Der Aufbau von Vertrauen und langfristigen Beziehungen hat im B2B größeres Gewicht als emotionale Impulskäufe.
Vier Entwicklungen dominieren die aktuelle B2B-Marketing-Landschaft: die Integration von KI für Personalisierung und Effizienzgewinne, die Anpassung an Zero-Click-Content-Konsum, der Shift zu Account-Based Everything als Go-to-Market-Ansatz sowie die zunehmende Integration von Sales und Marketing unter dem Begriff Revenue Operations.
Das Buying Center (auch Buying Committee) bezeichnet die Gruppe von sechs bis zehn Personen in einem Unternehmen, die gemeinsam an einer Kaufentscheidung beteiligt sind. Es umfasst verschiedene Rollen wie Entscheider, Anwender, technische Prüfer, Influencer und Gatekeeper mit jeweils unterschiedlichen Informationsbedürfnissen.
Der lineare Sales Funnel impliziert einen geordneten Prozess von Awareness über Interest und Decision zum Purchase. Die Realität moderner B2B-Käufe ist jedoch nicht-linear – Kunden springen zwischen Phasen, involvieren neue Stakeholder, revidieren Evaluationen und führen einen Großteil der Recherche autonom durch.
Account-Based Marketing ist eine Strategie, bei der Marketingressourcen auf eine definierte Gruppe von Zielkunden konzentriert werden, als wären sie eigene Märkte. Statt breiter Streuwirkung setzt ABM auf hochpersonalisierte Ansprache ausgewählter High-Value Accounts mit individuellem Messaging und koordiniertem Sales-Engagement.
Die ROI-Messung im B2B-Marketing erfolgt über KPIs wie Customer Acquisition Cost (CAC), Customer Lifetime Value (CLV), das CLV:CAC-Verhältnis sowie die Marketing-Attribution zum Umsatz. Multi-Touch-Attribution-Modelle helfen dabei, den Beitrag verschiedener Marketing-Touchpoints zur Pipeline und zum Revenue nachzuvollziehen.
Ein ausgewogener Mix ist empfehlenswert. Awareness-orientierter Content, Thought Leadership und edukativer Content sollten frei zugänglich sein, um Reichweite und SEO zu unterstützen. Hochwertige, umsetzungsorientierte Formate wie ausführliche Guides, Templates oder Tools können dagegen hinter einer Kontaktschranke stehen.
Als Orientierungswert gelten 9-12 % des geplanten Umsatzes für Marketing-Ausgaben, wobei die exakte Höhe von Wachstumszielen, Wettbewerbsintensität und Marktreife abhängt. Unternehmen in Wachstumsphasen investieren tendenziell mehr, etablierte Marktführer können mit niedrigeren Quoten operieren.
LinkedIn ist für viele B2B-Unternehmen der primäre Kanal für Thought Leadership, Professional Networking und gezieltes Targeting von Entscheidungsträgern. Die Plattform ermöglicht präzises Targeting nach Unternehmensgröße, Branche, Funktion und Seniorität – Kriterien, die auf anderen Plattformen nicht in dieser Granularität verfügbar sind.
Eine B2B-Marketing-Strategie ist kein statisches Dokument, das einmal erstellt in der Schublade verstaubt. Sie ist ein lebendiger Rahmen, der kontinuierlich an Marktveränderungen, Kundenverhalten und organisatorische Entwicklungen angepasst werden muss.
Die in diesem Beitrag vorgestellten Konzepte – von der nicht-linearen Buyer's Journey über strategische Modelle wie Growth Circle und ABM bis hin zur Business-orientierten Erfolgsmessung – bilden die Grundpfeiler moderner B2B-Vermarktung. Ihre Implementierung erfordert jedoch mehr als theoretisches Wissen: Sie verlangt die Fähigkeit zur Priorisierung, zur Integration von Marketing und Vertrieb sowie zur kontinuierlichen Anpassung auf Basis messbarer Ergebnisse.
Der entscheidende Erfolgsfaktor ist dabei nicht die Perfektion der initialen Strategie, sondern die Geschwindigkeit des Lernens und Anpassens. Unternehmen, die schneller lernen als ihr Wettbewerb, werden langfristig die Marktführerschaft in ihren Segmenten erobern.
1 Gartner (2019): B2B Buying: How Top CSOs and CMOs Optimize the Journey
2 McKinsey & Company (2022): The New B2B Growth Equation
3 Harvard Business Review (2017): The New Sales Imperative
4 Harvard Business Review (2018): The B2B Elements of Value