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Autor: Birgit Sfat Datum: 28.01.2026 Lesezeit: 14 min |
In Märkten, die von technologischer Konvergenz und zunehmender Austauschbarkeit geprägt sind, wird die Marke zum entscheidenden Differenzierungsfaktor. Während Produktspezifikationen kopierbar sind und Preisvorteile erodieren, bleibt das Vertrauenskapital einer etablierten Marke ein dauerhafter Wettbewerbsvorteil.
Die Relevanz systematischer Markenführung im B2B-Kontext hat sich in den vergangenen Jahren fundamental gewandelt. Drei Entwicklungen treiben diese Transformation.
Die Unterscheidung zwischen B2B- und B2C-Markenführung geht über oberflächliche Differenzen wie Zielgruppengröße oder Kaufvolumen hinaus. Sie betrifft fundamentale Annahmen darüber, wie Kaufentscheidungen entstehen, welche Rolle Emotionen spielen und was eine Marke im Entscheidungsprozess eigentlich leisten muss.
Die tradierte Annahme, B2B-Entscheidungen seien rein rational, gilt in der modernen Marketingforschung als überholt. Diese Vorstellung – häufig als „Homo Oeconomicus-Mythos“ bezeichnet – ignoriert eine fundamentale Realität: Hinter jedem B2B-Kauf steht ein Individuum mit persönlichen Karriereinteressen, Risikoaversionen und emotionalen Präferenzen.
Die Forschung von Gartner zum „New B2B Buying Journey“ dokumentiert diese Komplexität eindrücklich: Durchschnittliche B2B-Kaufentscheidungen involvieren sechs bis zehn Entscheider mit unterschiedlichen Prioritäten, Informationsbedürfnissen und Bewertungskriterien. In diesem Kontext erfüllt die Marke eine spezifische Funktion: Sie reduziert die Koordinationskosten innerhalb des Buying Centers und bietet einen gemeinsamen Bezugsrahmen für die Entscheidungsfindung.
B2B-Markenführung bezeichnet die systematische Planung, Gestaltung und Kontrolle der Markenidentität im Business-to-Business-Umfeld.
Kernaufgabe ist die Reduktion von Komplexität und die Minimierung des wahrgenommenen Risikos für das Buying Center. Ziel ist der Aufbau von Vertrauenskapital, das sich in kürzeren Verkaufszyklen, höherer Preisdurchsetzung und stabilen Kundenbeziehungen manifestiert.
Acht Länder, acht unterschiedliche Marketing-Prozesse – vor dieser Situation steht Manpower. Die Folge: Uneinigkeit darüber, welche Leads Priorität haben, sowie erschwertes Benchmarking und Austausch über Best Practices.
Um internationale Vergleichbarkeit zu schaffen und Lernprozesse im Unternehmen anzuregen, will das nordeuropäische Marketing-Team um Projektleiterin Tina Hingston ein länderübergreifend konsistentes Lead Scoring und Reporting einführen. Dafür holt sie sich Unterstützung des Strategiepartners andweekly.
Von der herausfordernden und zeitaufwendigen Rekrutierung geeigneter Fachkräfte sind Unternehmen in vielen Branchen und Regionen betroffen. Das Ziel von Manpower ist es, dem Personalmangel weltweit mit innovativen Lösungen zu begegnen. Die ManpowerGroup mit Hauptsitz in den USA und Niederlassungen in rund 80 Ländern zählt zu den weltweit führenden Unternehmen in der Personalbranche.
Kerngeschäft ist die Vermittlung von Fachkräften aus zahlreichen Branchen an Unternehmen, die sich nicht mit zeitaufwendigen Rekrutierungsprozessen beschäftigen wollen. Darüber hinaus hilft Manpower, kurzfristige Personalengpässe zu überbrücken und Produktionsspitzen mit geeigneten Human Resources auf Zeit abzufedern. Zum Unternehmen gehören zahlreiche Tochterunternehmen – darunter auch der IT-Dienstleister Experis, den wir bereits bei seiner Marketing-Strategie unterstützt haben.

Die ManpowerGroup unterhält in jedem Land ein eigenes Marketing-Team, das individuelle Ansätze im Online-Marketing verfolgt. Zwar wurde HubSpot als All-in-one-Plattform für Marketing in den meisten Landesgesellschaften etabliert, doch das HubSpot-Knowhow und der hinterlegte Lead-Management-Prozess sind sehr unterschiedlich.
Das Problem bei Manpower: Die uneinheitlichen Marketing-Prozesse der Landesgesellschaften führen zu inkonsistenter Lead-Qualifizierung: Ein Lead, der in einer Landesgesellschaft als Sales Ready eingestuft wird, kann in einer anderen als Marketing Qualified Lead (MQL) eingestuft werden.
Daraus ergeben sich für Manpower folgende Herausforderungen:
Mangelnde Vergleichbarkeit. Unterschiedliche Definitionen und Prozesse machen es schwierig, die Leistung und Effektivität von Marketing-Aktivitäten zwischen verschiedenen Landesgesellschaften zu vergleichen. Ohne einheitliche Standards können sie Best Practices nicht identifizieren und erfolgreiche Strategien kaum replizieren.
Schwierigkeiten bei Zusammenarbeit und Kommunikation. Inkonsistente Definitionen führen immer wieder zu Missverständnissen und Fehlkommunikation zwischen Marketing- und Vertriebsteams, insbesondere wenn diese länderübergreifend zusammenarbeiten.
Verpasste Verkaufschancen. Unterschiedliche und nicht immer optimale Definitionen von MQLs und SQLs bewirken, dass Mitarbeitende bestimmte Leads unter- oder überschätzen. Falsche Prioritäten in der Lead-Bearbeitung kosten wiederum wertvolle Ressourcen.
Standardisierung der Marketing-Automatisierungsprozesse für eine nahtlose Customer Journey in den verschiedenen Manpower-Landesgesellschaften
Entwicklung homogener Dashboards auf globaler Ebene zur einheitlichen Erfassung, Analyse und Vergleich der Performances von Marketing-Kampagnen
Optimierung der CRM-Strategie durch Implementierung von Best Practices für Lead-Erfassung, -Qualifizierung, -Scoring und Reporting mithilfe des HubSpot Marketing Hub
Erzielung von Effizienzgewinnen durch Reduzierung von Inkonsistenzen zwischen den Landesgesellschaften
Erhöhung der Transparenz zwischen den Landesgesellschaften hinsichtlich Lead-Generierung, Lead-Qualität und Marketing-Performance zur Verbesserung der Entscheidungsfindung und Performance
Die B2B-Marke wirkt auf drei unterschiedlichen Ebenen:
Eine Studie der IE University (2023) bestätigt diesen Befund: Starke B2B-Marken generieren nachweislich höhere Kundenloyalität und ermöglichen Premium-Preisstrategien, weil sie das fundamentale Unsicherheitsproblem in komplexen Kaufentscheidungen adressieren.¹
Quelch und Hartman prägten in ihrer Harvard Business Review-Analyse (2007) den Begriff der „rationalisierten Emotionalität“ im B2B-Kontext.² Ihre These: B2B-Entscheider treffen emotional beeinflusste Entscheidungen, die sie anschließend rational legitimieren. Die Marke liefert dabei beides – das emotionale Grundvertrauen für die initiale Präferenz und die rationalen Argumente für die nachträgliche Rechtfertigung.
Diese Erkenntnis hat weitreichende Implikationen für die Markenführung: Eine rein auf Produkteigenschaften fokussierte Kommunikation greift zu kurz. Erfolgreiche B2B-Marken adressieren sowohl die funktionalen Anforderungen als auch die persönlichen Bedürfnisse der Entscheider nach Sicherheit, Anerkennung und professioneller Integrität.
Das 2018 von Bain & Company entwickelte „B2B Elements of Value“-Framework stellt eine der einflussreichsten Konzeptualisierungen dar (Bain & Company, 2018).³ Das Modell identifiziert 40 diskrete Wertelemente, die B2B-Anbieter liefern können, und ordnet diese in einer hierarchischen Pyramide an.
Die fünf Ebenen der Wertpyramide umfassen:
Die strategische Implikation dieses Modells ist eindeutig: Funktionale Werte auf den unteren Ebenen – Preis, Spezifikationen, Liefertreue – sind notwendige, aber keine hinreichenden Differenzierungsmerkmale. Sie stellen „Table Stakes“ dar, also Mindestanforderungen für die Teilnahme am Wettbewerb. Die eigentliche Differenzierung findet an der Spitze der Pyramide statt, wo Marken individuellen und inspirationalen Wert schaffen.
Unternehmen, die mindestens sechs Wertelemente exzellent bedienen, erzielen laut Bain-Analyse signifikant höhere Net Promoter Scores (NPS) und stärkere Kundenbindung als Wettbewerber mit schwächerem Wertversprechen.
Das LinkedIn B2B Institute hat in Zusammenarbeit mit Professor John Dawes vom Ehrenberg-Bass Institute (2023) eine fundamentale Erkenntnis für B2B-Märkte empirisch untermauert: Zu jedem Zeitpunkt befinden sich nur etwa 5 Prozent der potenziellen Kunden aktiv im Markt – 95 Prozent haben aktuell keinen Kaufbedarf.⁴
Diese Verteilung hat tiefgreifende Konsequenzen für die Markenführung:
Les Binet und Peter Field haben in ihrer Langzeitstudie „The 5 Principles of Growth in B2B Marketing“ die optimale Budgetverteilung zwischen langfristigem Markenaufbau und kurzfristiger Aktivierung untersucht.⁴
Ihre zentrale Erkenntnis für B2B-Märkte: Die empfohlene Aufteilung liegt bei etwa 46 Prozent für Brand Building (mentale Verfügbarkeit, Vertrauensaufbau) und 54 Prozent für Sales Activation (kurzfristige Lead-Generierung, Conversion). Diese Verteilung weicht bewusst von der im B2C üblichen 60/40-Regel ab und reflektiert die spezifischen Mechanismen des B2B-Kaufprozesses: längere Verkaufszyklen, komplexere Entscheidungsgremien und höhere Transaktionswerte rechtfertigen einen stärkeren Fokus auf aktivierende Maßnahmen – ohne jedoch die langfristige Markeninvestition zu vernachlässigen.
Die Studie identifiziert zudem ein kritisches Ungleichgewicht in der aktuellen B2B-Praxis: Die Mehrheit der Unternehmen investiert überproportional in kurzfristige Lead-Generierung und vernachlässigt den Markenaufbau (Marketing Week, 2024).⁵ Das Ergebnis sind sinkende Margen, verlängerte Verkaufszyklen und erhöhte Preissensitivität – paradoxerweise genau die Symptome, die durch stärkere Markenführung adressiert werden könnten.
Eine vertiefende Analyse zum strategischen Zusammenspiel von Content und Marke findet sich im Beitrag zur B2B Content Strategie.
Die Markenidentität beantwortet die Frage „Wer sind wir?“, die Positionierung die Frage „Warum wir?“. Beide Konzepte sind interdependent, aber nicht identisch.
Die Markenidentität umfasst den Markenkern (Purpose, Vision, Mission), die Markenwerte und Prinzipien, die Markenpersönlichkeit und Tonalität sowie die visuelle und verbale Identität.
Die Markenpositionierung definiert die Zielmarktsegmente und Buyer Personas, den Wettbewerbsrahmen und die Differenzierungskriterien, die Value Proposition und das Nutzenversprechen sowie die Reasons to Believe und Beweispunkte.
Der Prozess der Positionierungsentwicklung folgt typischerweise einem strukturierten Ablauf: Analyse des Marktumfelds, Segmentierung und Identifikation profitabler Zielsegmente, Targeting und Auswahl der zu adressierenden Segmente, Differenzierung durch Bestimmung einzigartiger Wertmerkmale sowie abschließende Verdichtung zu einer prägnanten Marktposition.
B2B Thought Leadership bezeichnet die strategische Etablierung als intellektueller Führer in einem definierten Themenfeld. Im Gegensatz zu produktzentrierter Kommunikation steht hier die Demonstration von Expertise, Weitsicht und Innovationskraft im Vordergrund.
Kennzeichen echter Thought Leadership sind:
Viele als Thought Leadership deklarierte Inhalte sind tatsächlich getarnte Produktwerbung oder oberflächliche Trendkommentare. Echte Thought Leadership erfordert Investment in originäre Erkenntnisse und die Bereitschaft, auch unbequeme Positionen zu vertreten.
Die Erwartungshaltungen an B2B-Interaktionen werden zunehmend von B2C-Erfahrungen geprägt. Entscheider, die privat Amazon Prime und Netflix nutzen, übertragen diese Convenience-Standards auf ihre beruflichen Beschaffungsprozesse.
Die Dimensionen der B2B Customer Experience umfassen:
Die Marke manifestiert sich in jedem dieser Touchpoints. Inkonsistenzen zwischen Markenkommunikation und tatsächlicher Kundenerfahrung erodieren Vertrauen schneller als jede Negativ-Kampagne des Wettbewerbs.
Content ist das primäre Vehikel, durch das B2B-Marken ihre Identität, Expertise und Werte kommunizieren. In einem Marktumfeld, in dem direkte Vertriebskontakte erst spät im Kaufprozess stattfinden, übernimmt Content die Aufgabe der Vertrauensbildung über lange Zeiträume.
Die strategischen Content-Funktionen in der Markenführung umfassen Awareness-Generierung für die 95 Prozent „Out-of-Market“-Zielgruppe, Expertise-Demonstration als Beleg für Kompetenz und Marktverständnis, Trust-Building durch wiederholten Wertbeitrag, die Verankerung der Marke im Relevant Set sowie Sales Enablement mit relevanten Materialien für den Vertrieb.
Die strategische Rolle von Content geht dabei weit über Lead-Generierung hinaus. Content, der primär auf Gated Downloads und MQL-Metriken optimiert ist, verfehlt häufig die langfristigen Markeneffekte. Erfolgreiches Content-Marketing balanciert kurzfristige Performance-Ziele mit nachhaltiger Markenbildung.
B2B-Marken entstehen nicht in Kampagnen, sondern in der Summe aller Berührungspunkte über Zeit. Dabei spielen Kanäle eine zentrale Rolle, die sich klassischer Messung entziehen – ebenso wie die Menschen, die als Gesichter der Marke Vertrauen aufbauen.
Ein signifikanter Anteil der B2B-Meinungsbildung findet in Kanälen statt, die sich der digitalen Messung entziehen – ein Phänomen, das als Dark Social Marketing bezeichnet wird.
Manifestationen von Dark Social im B2B umfassen private Slack- und Teams-Kanäle, geschlossene LinkedIn-Gruppen, WhatsApp- und Signal-Gespräche, Branchenevents und Konferenzen, informelle Peer-Empfehlungen sowie interne Diskussionen im Buying Center.
Die Implikation für die Markenführung ist fundamental: Last-Click-Attribution und Multi-Touch-Modelle erfassen nur einen Bruchteil der tatsächlichen Markenberührungspunkte. Wenn ein Entscheider nach einer Peer-Empfehlung im Slack-Channel die Website besucht und eine Demo anfordert, erscheint im CRM „Direct Traffic“ oder „Organic Search“ – die eigentliche Quelle bleibt unsichtbar.
Diese Erkenntnis hat zwei Konsequenzen: Erstens erfordert Markenführung das Vertrauen, in Aktivitäten zu investieren, deren ROI nicht im Dashboard erscheint. Podcast-Auftritte, Konferenz-Sponsorings und Community-Engagement zahlen auf Markenkapital ein, auch wenn kein UTM-Parameter die Conversion trackt. Zweitens gewinnen alternative Messmethoden an Bedeutung – Befragungsdaten („How did you hear about us?“), Share-of-Search-Analysen und qualitative Vertriebsfeedbacks.
Im B2B-Kontext sind Fachexperten – Subject Matter Experts (SMEs) – häufig die glaubwürdigsten Markenrepräsentanten. Ihre Expertise verleiht der Marke Substanz; ihre persönliche Sichtbarkeit schafft menschliche Verbindung in einem oft als unpersönlich wahrgenommenen Geschäftsumfeld.
Die Rollen von Fachexperten in der Markenführung umfassen:
Die strategische Herausforderung besteht darin, B2B Influencer Marketing systematisch zu orchestrieren, ohne die Authentizität zu gefährden. Überkommerzialisierte „Personal Brands“ verlieren schnell an Glaubwürdigkeit; völlig ungesteuerte Aktivitäten hingegen verpassen Synergieeffekte mit der Unternehmensmarke.
Die Messbarkeit von Markeneffekten stellt eine der größten Herausforderungen der B2B-Markenführung dar. Traditionelle Marketing-Metriken wie Leads, MQLs und SQLs erfassen primär kurzfristige Aktivierungseffekte, während langfristige Markeneffekte in diesen Kennzahlen nicht oder nur verzögert sichtbar werden.
Fünf Kennzahlen haben sich als besonders aussagekräftig für die Steuerung von B2B-Marken etabliert. Sie messen unterschiedliche Facetten der Markenwirkung – von der mentalen Verfügbarkeit bis zur ökonomischen Durchsetzungskraft.
Ergänzend zu den strategischen KPIs liefern operative Metriken wichtige Steuerungsinformationen: Share of Voice zeigt die Präsenz in relevanten Kanälen, Engagement Rate die Resonanz der Markenkommunikation, NPS und Customer Satisfaction die Kundenzufriedenheit und -loyalität, Employee Advocacy die interne Markenidentifikation und der Inbound-Anteil den Effekt der mentalen Verfügbarkeit.
Ein kritischer Aspekt der Markenmessung ist die Zeitverzögerung zwischen Markeninvestition und messbarem Effekt. Während Aktivierungsmaßnahmen innerhalb von Wochen zu Ergebnissen führen, manifestieren sich Markeneffekte typischerweise erst nach sechs bis zwölf Monaten in den Kennzahlen.
Diese Verzögerung erfordert langfristige Messzeiträume („Rolling 12 Months“ statt Quartalsbetrachtung), eine Trennung von Brand- und Activation-Budgets in der ROI-Berechnung, qualitative Ergänzung quantitativer Metriken durch Vertriebsfeedback und Kundenbefragungen sowie Geduld und Commitment des Managements zu langfristigen Investitionen.
Die Corporate Identity bildet das sichtbare Fundament der Markenführung. Sie umfasst alle visuellen, verbalen und verhaltensbasierten Manifestationen der Marke und schafft Wiedererkennbarkeit über alle Touchpoints hinweg.
Die Elemente der Corporate Identity umfassen Corporate Design (Logo, Farben, Typografie, Bildsprache, Layoutprinzipien), Corporate Communication (Sprachstil, Messaging, Terminologie, Tone of Voice) und Corporate Behavior (Verhaltensstandards, Kundeninteraktion, interne Kultur).
Im B2B-Kontext erfüllt Konsistenz eine spezifische Funktion: Sie signalisiert organisationale Reife, Verlässlichkeit und Qualitätsanspruch. Inkonsistente Markenauftritte – widersprüchliche Botschaften zwischen Marketing und Vertrieb, divergierende Werteversprechen je nach Kanal oder eine Positionierung, die intern nicht gelebt wird – wecken unbewusst Zweifel an der operativen Professionalität des Anbieters.
Die Investition in stringente Corporate-Identity-Richtlinien und deren konsequente Durchsetzung ist daher keine ästhetische Luxusausgabe, sondern ein Instrument der Vertrauensbildung.
Generative KI-Systeme verändern fundamental, wie Entscheider Informationen recherchieren und Anbieter evaluieren. Diese Entwicklung hat direkte Implikationen für die Markenführung.
Die strategische Implikation: Markenführung ist nicht nur für menschliche Entscheider relevant, sondern zunehmend auch für die algorithmischen Gatekeeper, die den Informationszugang kuratieren. Warum klare Markenidentität im KI-Zeitalter noch wichtiger wird, beleuchtet der Beitrag zur B2B Marke.
B2B-Markenführung adressiert komplexe Buying Center mit mehreren Entscheidern, längere Verkaufszyklen und höhere Transaktionswerte. Der Fokus liegt auf Risikominimierung und Vertrauensaufbau statt auf Impulskäufen. Entscheider treffen „rationalisiert emotionale“ Entscheidungen – sie wählen basierend auf Vertrauen und legitimieren anschließend rational.
Starke B2B-Marken schaffen Vertrauensvorschuss, der Verkaufszyklen verkürzt und Preisdurchsetzung ermöglicht. Sie sichern Shortlist-Platzierungen ohne detaillierte Evaluation und reduzieren das wahrgenommene Entscheidungsrisiko im Buying Center. In zunehmend commoditisierten Märkten ist die Marke häufig das letzte verteidigbare Differenzierungsmerkmal.
Die 95-5 Regel, empirisch belegt durch das LinkedIn B2B Institute und Professor John Dawes, besagt: Zu jedem Zeitpunkt befinden sich nur etwa 5 Prozent der potenziellen Kunden aktiv im Markt. Markenführung zielt daher primär auf die 95 Prozent „Out-of-Market“-Zielgruppe – sie sichert mentale Verfügbarkeit und damit zukünftigen Cashflow.
Zentrale Indikatoren sind Share of Search (relative Suchvolumen im Wettbewerbsvergleich), unaided Brand Awareness (spontane Markenerinnerung), Price Premium (Fähigkeit zur Preisdurchsetzung) und Sales Cycle Velocity (Verkürzung der Verkaufszyklen). Diese Metriken ergänzen operative KPIs wie Share of Voice und NPS.
Corporate Identity schafft visuelle und verbale Konsistenz über alle Touchpoints. Im B2B-Kontext signalisiert diese Konsistenz organisationale Reife, Verlässlichkeit und Qualitätsanspruch. Inkonsistente Markenauftritte wecken unbewusst Zweifel an der operativen Professionalität des Anbieters.
Thought Leadership bezeichnet die Etablierung als intellektueller Führer in einem definierten Themenfeld. Es geht um Themenführerschaft statt Produktwerbung: fundierte Analysen, eigene Forschung und differenzierte Perspektiven. Echte Thought Leadership erfordert Investment in originäre Erkenntnisse und langfristige Themenbesetzung.
Die Forschung von Binet und Field empfiehlt für B2B-Märkte eine Aufteilung von etwa 46 Prozent für langfristigen Markenaufbau und 54 Prozent für kurzfristige Aktivierung. Diese Verteilung reflektiert die spezifischen Mechanismen des B2B-Kaufprozesses mit längeren Verkaufszyklen und komplexeren Entscheidungsgremien.
Markenaufbau ist ein langfristiges Investment. Messbare Effekte auf Kennzahlen wie Share of Search, Brand Awareness oder Sales Cycle Velocity manifestieren sich typischerweise erst nach sechs bis zwölf Monaten kontinuierlicher Markeninvestition. Kurzfristige Kampagnen können Awareness-Peaks erzeugen, aber keine nachhaltige Markenstärke aufbauen.
Generative KI-Systeme verändern, wie Entscheider recherchieren und Anbieter evaluieren. Starke Marken mit konsistenten Botschaften, hoher Autorität und originären Inhalten haben höhere Wahrscheinlichkeiten, in KI-generierten Antworten genannt zu werden. Die Marke wird zum Selektionskriterium für algorithmische Gatekeeper.
B2B-Markenführung ist kein Marketing-Projekt, sondern eine strategische Unternehmensentscheidung mit weitreichenden Implikationen für Vertrieb, Produktentwicklung und Unternehmensführung. In einer Welt, in der Produkte austauschbar werden und KI-Systeme den Informationszugang kuratieren, wird das Vertrauenskapital einer starken Marke zum entscheidenden Differenzierungsfaktor.
Die in diesem Beitrag vorgestellten Frameworks – von der Elements-of-Value-Pyramide über die 95-5 Regel bis zur Binet-Field-Formel – bieten Orientierung für die strategische Markenführung. Ihre Umsetzung erfordert jedoch mehr als theoretisches Wissen: Sie verlangt Geduld, Konsistenz und das Vertrauen, in Aktivitäten zu investieren, deren ROI sich erst mittelfristig manifestiert.
¹ IE University (2023): The Strength of a B2B Is in Its Brand. IE Insights
² Quelch, J. & Hartman, M. (2007): How to Build a B2B Brand. Harvard Business Review
³ Bain & Company (2018): The B2B Elements of Value
⁴ LinkedIn B2B Institute & Binet, L. & Field, P. (2023): The 5 Principles of Growth in B2B Marketing
⁵ Marketing Week (2024): Brand Building and the B2B Funnel